26. Oktober 2020

Das Büro wird zu Wohlfühloase

Das Büro wird zur Wohlfühloase, ein Feel-Good-Manager sorgt für Stimmung: Stadt auf anständige Bezahlung setzen Firmen auf die Bespaßung ihrer Mitarbeiter. Ein Fehler!

Google als einer der beliebtesten Arbeitgeber der Welt serviert seinen Mitarbeitern Gratisessen von Burger bis Sushi, in den Büros gibt es Schaukeln und Roller zur Entspannung sowie kostenlose Massagen – und somit kaum noch einen Grund, nach Hause zu wollen.

Das hat Schule gemacht: Beim Reiseschnäppchenportal Uniq gehört das Freizeitfeeling ebenfalls zur Firmen-DNA. Am Firmensitz in Holzwickede wird regelmäßig Oktoberfest gefeiert. Auch wird eine Feel-Good-Manager beschaäftigt, dieser kümmert sich um das -Betriebsklima-, bzw. für die gute Laune im Betrieb. Weil die Generation der jungen Berufstätigen nicht nur auf die Work-Life-Balance achtet, sondern vor allem zahlenmäßig kleiner ausfällt als frühere Arbeitnehmerkohorte, müssen Arbeitgeber sich plötzlich ganz schön anstrengen.

Haben die Chefs das Geschäft der Gewerkschaften übernommen, sind Betriebsräte überflüssig? Nicht ganz, findet der britische Soziologe William Davies, seiner Meinung nach hat die schöne neue Arbeitswelt einen Haken: “Die Unternehmen bemühen sich um ein positives Umfeld für ihre Leute – aber nur, damit die umso härter arbeiten.” Er kritisiert: “Wir hinterfragen das nicht wirklich.”

Damit sich das ändert, hat er ein Buch geschrieben: The Happiness Industry. Darin zeichnet er ein Bild einer Gesellschaft, in der Protest nicht mehr von Parteien, sondern über soziale Netzwerke organisiert wird. In der immer alle online sind und damit auch Tag und Nacht für den Boss erreichbar. In der sich alle im Büro duzen und miteinander kickern und so die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben mehr und mehr verwischen.

Furcht vor dem Low Performer

Früher am Fließband konnte man sehen wer Fehler machte. Und wer den Betrieb aufhielt, der wurde gefeuert. In der Dienstleistungsgesellschaft kommt es erst recht auf Motivation an. Aber sie lässt nicht mehr in Stunden und Stückzahlen messen. Deshalb fürchten die Arbeitgeber nichts mehr als Mitarbeiter, die es heimlich etwas ruhiger angehen lassen – und umschmeicheln sie, um das zu verhindern.

Für die Arbeitnehmer ist es erst einmal super, wenn der Chef signalisiert, wie wichtig sie ihm sind. Es kann aber nur vor Überlastung, die unweigerlich droht, wenn Mitarbeiter Tag und Nacht im Büro verbringen , selbst wenn dort zwischendurch Tischfußball gespielt wird. “Spiel und Sport gehören in die Freizeit”. Und: “Freizeit muss sein”.

Erfahrene Arbeitgeber wissen das. So ermöglichte BMW seinen Leuten auch die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten und sicherte ihnen in der Freizeit ein Recht auf Nichterreichbarkeit zu.

Es ist wichtig, abends rauszugehen, sich am Wochenende in einem anderen Kontext zu erleben und Freundschaften zu pflegen. “Die Firma bekommt sonst einfach zu viel Bedeutung”.Problematisch wird das spätestens dann, wenn es im Job mal nicht läuft. Wenn der Chef einen plötzlich für verzichtbar hält, wer soll den Betroffenen auffangen, wenn die besten Freunde Kollegen sind? Den fröhlichen Vielarbeitern, warnt die Burnout-Expertin, droht dann der Totalabsturz.

Big Brother im Betrieb

Ein niederländisch-britischer Konern bietet den Mitarbeitern weltweit ein Onlinetool an, das helfen soll, Belastungssituationen und ihre Quellen zu erkennen. Die Frage ist, ob jemand, der Ärger mit dem Chef hat, das ausgerechnet dem Bürocomputer anvertrauen sollte. Betriebsräte reagieren ziemlich allergisch auf so etwas. Was vielleicht erklärt, warum dieser Konzern in Deutschland auf Onlineseelenmassage verzichtet.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle auch mal fragen, was die Rundumbetreuueng dem Arbeitgeber bringt (Achtung, liebe Wohlfühlmanager, jetzt bitte ganz, ganz tapfer sein!): Bei der jüngsten Umfrage des Beratungsunternehmens Gallup 2014 unter 2.000 deutschen Mitarbeitern gaben nur 15 Prozent der Befragten an, sich stark mit ihrem Arbeitgeber verbunden zu fühlen. 70 Prozent machten eigenen aussagen zu folge Dienst nach Vorschrift, 15 Prozent hatten innerlich gekündigt. Damit war der Anteil der Hochmotivierten war etwas höher 2007 während der Wirtschafts- und Finanzkrise (12 Prozent). Dass er mitten im Boom aber nicht steigt, sondern unter dem Vorjahreswert (16 Prozent) sank, spricht nicht gerade für den Erfolg der Kuscheloffensive.

Mann sollte der Arbeitnehmerbespaßung kritisch gegenüberstehen! Die Arbeitgeber tappen immer in die gleiche Falle: Lange schon versuchen Firmen sich den Eifer ihrer Mitarbeiter mit Bonusprogrammen zu erkaufen, jetzt probieren sie es mit “Wohlfühlklimbim”. Der Versuch der Arbeitgeber, Arbeitnehmer glücklich machen zu wollen ist ein Irrweg.

Motivation hat immer einen inneren Ursprung

Der Effekt solcher Wohltaten ist gering. Auf lange Sicht muss der Chef mehr und mehr bieten, um überhaupt ein Echo zu erzielen. Echte Motivation kann nicht außen stimuliert werden. Hart formuliert sollten Arbeitgeber ihre Leute ein vernünftiges Gehalt zahlen und sie dann möglichst ungestört werkeln lassen! Für die Motivation können Zielvereinbarungen mindestens ebenso störend sein, wie Spielecken.

Quelle (Auszug Zeit – Beruf – Mitarbeitermotivation)

Ein Gedanke zu “Das Büro wird zu Wohlfühloase

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.